Wort zum Nachdenken / Wochenende 05./06.09.

Jenseits aller Fragen zur Leistung der Regisseure, der Passung einzelner Rollenbesetzungen und der KI-basierten Realisierung schier nicht darstellbarer mythischer Ungeheuer fasziniert die eigentliche Handlung seit fast 3000 Jahren. Die entbehrungsreiche und wechselhafte Reise des Titelhelden ist zum Sinnbild und zugleich auch geflügelten Wort für Reisen mit vielen Hindernissen oder schwierige Phasen in unserem Leben geworden.
Die Themen des großen antiken Mythos sind zugleich auch unsere Lebensthemen: Missetaten, zu denen wir nicht stehen wollen, Verantwortung, der wir ausweichen, Verführungen, denen wir nicht widerstanden haben; und so vergeht die Zeit, bis wir schutzlos und versehrt an einer Stelle stehen, die wir einst im Vollbesitz unserer Kräfte verlassen haben und die nun auch bedroht ist. Odysseus überlebt all das, aber zu einem sehr hohen Preis, und wohl auch ein bisschen klüger.
Eine Dimension dieser Geschichte, die wir in unserer Faszination von all der Action (darin unterscheiden wir uns nicht von den Zuhörern der Antike) leicht aus dem Blick verlieren, ist die der Götter. Selbst noch der moderne Regisseur zeichnet sehr authentisch den inneren Konflikt des Odysseus nach im Ringen um das Maß der eigenen Verantwortung, die eigene Schuld und das notwendige Vertrauen in das Handeln der antiken Götter, im Speziellen seiner Schutzgöttin Athene. Erst als er lernt, sich mit allen Anteilen seines Lebens und seiner Geschichte in die Hand Gottes zu legen, findet Odysseus den Weg zurück nach Hause und dort auch die Lösung schier unüberwindlicher Probleme.
Schicksalsschläge erleiden wir alle. Niemand bleibt verschont. Insofern erleben und erleiden wir alle unsere ganz persönliche Odyssee. Das lässt sich nicht ändern. Hoffentlich gelingt es uns manchmal, anderen zu helfen, die gerade am Boden sind. Aber die eigentliche Frage ist doch eine andere: wie stellen wir uns zu all dem überhaupt? Sind wir einfach nur Opfer irgendwelcher Umstände? Oder ist uns dennoch in allem, was nicht gut läuft, dennoch eine Würde gegeben, die von Gott herkommt, der uns so geschaffen hat, in dessen Hand wir sind und der uns nicht fallenlässt. Müssen wir die Dinge, die uns Sorgen machen und die uns leiden lassen, nur beklagen? Oder dürfen wir, bei aller Notwendigkeit, ins Handeln zu kommen, die Dinge auch so nehmen, wie sie sind, im Wissen und Glauben, dass alles schon immer gut so ist.
Damit wäre mehr Gelassenheit möglich und die Zuversicht, dass das, was ich gerade habe und vorfinde, gut ist. Die Notwendigkeit, ständig um mehr und Besseres zu kämpfen, würde geringer, und ich wäre vielleicht etwas friedlicher.
Michael Groß
Caritas