Begeisternde soziale Arbeit im Land der Gegensätze

Caritas-Geschäftsführer Michael Groß in Peru

 

Anfang Dezember war Michael Groß, geschäftsführender Vorstand der Caritas Nürnberger Land, mit einer 14köpfigen Delegation von caritas international in Peru. Mit dabei waren auch Dr. Oliver Müller, Leiter von caritas international, und Weihbischof Otto Georgens aus Speyer, Bischofsvikar für weltkirchliche Aufgaben. Die Gruppe besuchte verschiedene Sozialprojekte in Lima, im Regenwald und in Arequipa. 

 Armut

Lima ist die mit Abstand größte Stadt, denn hier leben 10 Mio. von insgesamt 40 Mio. Peruanern. Das Land ist etwa viermal so groß wie Deutschland. Lima liegt in der Wüste. Viele der Armen leben hier in einfachen Hütten aus Europaletten oder Blech auf sandigen Hügeln und in staubigen Flusstälern. Anfang 2017 brachte das durch den globalen Klimawandel verschärfte Wetterphänomen „El Nino“ sintflutartigen Regen, der viele der Hütten einfach wegspülte und ganze Stadtteile und viele Dörfer komplett von der Versorgung abschnitt. Etwa 500.000 Menschen wurden obdachlos und verloren alles. 

Caritas international arbeitet regelmäßig mit dem örtlichen Verband, hier also der Caritas del Peru, zusammen und unterstützte die schnell einsetzende kirchliche Hilfe mit Wasser, Lebensmitteln, Kleidern, Zelten, Baumaterial und weiteren materiellen und psychologischen Hilfen, lange bevor Staat und Behörden anfingen, etwas zu tun. Durch Agraringenieure, die den Armen in den Vorstädten einen einfachen Ackerbau und eine artgerechte Meerschweinchenzucht (in Peru eine Delikatesse) beibringen, hilft sie den Menschen, langfristig wieder eine Existenz aufzubauen. 

Tatkräftige Sozialministerin

Dann besuchte die Gruppe die seit sieben Monaten im Amt befindliche peruanische Sozialministerin, Liliana La Rosa Huertas, in ihrem Büro, das einen atemberaubenden Blick über Plaza de las Armas, Präsidentenpalast und Kathedrale bietet. Sie ist eine sehr mutige, ambitionierte und beeindruckende Frau. Ihre Großeltern waren extrem arm, ihr Vater schwarz und Abkömmling von Sklaven. Vor ihrer Geburt starb ihre ältere Schwester an Lungentuberkulose. Sie und ihr Bruder wurden von der Mutter allein erzogen, als der Vater verschwunden war. Mit Einsatz ihrer ganzen Kraft ermöglichte die Mutter ihr die Schule und den Besuch der Universität, wo sie Krankenpflege studierte. Inspiriert war sie durch eine Nonne an ihrer Dominikanerinnenschule, die eines Tages ihre Tracht ablegte und sie mit der Befreiungstheologie in Verbindung brachte. Obwohl vom Vatikan damals sehr bekämpft, zeigte diese überall ihre Wirkung, auch bei Liliana: Gott steht auf der Seite der Armen und will ihre Freiheit. Die Armut ist nicht gottgewollt oder die Strafe für frühere Sünden, sondern darf bekämpft werden. Die Aufgabe von uns Menschen ist tatkräftige Solidarität, so die Kernaussagen, die Liliana zu vielen Engagements und schließlich ins Ministeramt brachten. 

Auch durch den Dolmetscher kaum zu bremsen schildert sie den Teufelskreis der Armut aus Bildungsferne, häuslicher Gewalt, Ausschluss ganzer Volksgruppen, Krankheiten, Geschlechterungerechtigkeit und die Fülle der Maßnahmen, die sie in kurzer Zeit losgetreten hat. Es ist eine Riesenaufgabe, Menschen die verschiedenen nötigen Hilfeleistungen zukommen zu lassen und ihnen zu helfen, wieder Mut zu fassen. Liliana ist überzeugt, dass Armut nicht über finanzielle Kriterien definiert werden kann, sondern umfassend als gesellschaftlicher Ausschluss (Exklusion). Nur wenn man das richtig versteht, kann man sie wirkungsvoll bekämpfen. 

Goldabbau und Menschenhandel

Im Regenwald in der Region Madre de Dios lebten die Menschen bisher überwiegend von der Landwirtschaft. Durch die neue Straße (Interoceanica Sur, von hier nun 6 Stunden bis Cusco, früher über 20 Tage) wurden viele arme Menschen angezogen, die vom Goldabbau leben. Dieser geschieht nicht mit Sieben, sondern das Gold wird mittels Quecksilber aus der Erde gewaschen und letzteres auf den Boden und in den Fluss, einen Amazonas-Zulauf, gekippt. Jährlich werden nur in Peru 200.000 Fußballfelder Regenwald gerodet und der Goldabbau hinterlässt einen vergifteten und leblosen Sandboden. 

In ganz Peru verschwinden ständig Menschen. Schon am internationalen Flughafen in Lima auf den großen Leuchtreklamen sieht man die Vermisstenmeldungen. Teils werden die jungen Leute mit Versprechen auf gute Arbeit gelockt, teils von ihren Familien verkauft. Sind sie in den Händen der Menschenhändler, wird ihnen der Pass abgenommen und sie leben das Leben von Sklaven. Sie tauchen nie wieder auf. Teils arbeiten sie in den Goldgruben, teils in den Bordellen bei den Gruben.

 Anpassung an den Klimawandel

Viele hier sind seit Langem Bauern und können im Bergland wegen des Klimawandels nicht mehr überleben. Sie ziehen dann in die Tiefebene in den Regenwald, roden und bauen monokulturell Mais, Yucca oder Reis an. Ein normaler Bauer kommt damit auf ca. ein Sechstel des Lohns in den Goldminen. Kein Wunder, dass viele zum Goldschürfen gehen.

Die Caritas Madre de Dios fördert bäuerliche Kooperativen, die ihre Parzellen gemeinsam bewirtschaften. Die Agraringenieure der Caritas zeigten ihnen, was die Pflanzen brauchen, um richtig zu gedeihen: Ausgeizen, feuchte humöse Böden, Biodiversität (Ananas, Bananen, Kakao, Copoazu auf demselben Feld).

Die Bauern arbeiten mit diesem Konzept so gut, dass sie die Hälfte ihrer Flächen als Regenwaldreserve unbewirtschaftet lassen können. Sie wollen vor allem die noch recht unbekannte Feldfrucht Copoazu (biologisch sehr eng mit dem Kakao verwandt) zu einem neuen Erfolg führen. Sie arbeiten an der technischen und ökonomischen Auswertung ihrer Feldfrüchte. Die Caritas unterstützt sie mit Anträgen. Ein Bauer aus diesen Projekten verdient etwa 2/3 des Lohns eines Goldschürfers. Aber die Menschen sind dankbar. Sie spüren, dass sie das richtige tun und etwas hinterlassen, mit dem ihre Kinder weitermachen können. Mit dem geringeren Gewinn kommen sie zurecht, weil sie ihre Würde wiedergefunden haben.

Papst Franziskus: hört auf die Stimme der Armen und der geschundenen Erde

 Im Januar 2018 besuchte Papst Franziskus Madre de Dios. Noch vor dem Besuch im Präsidentenpalast wollte er den Armen und Indigenen begegnen, ihnen seine Solidarität ausdrücken und Ihnen Mut machen. Die Begegnung geschah in sehr großer gegenseitiger Wertschätzung.

Der Papst neigt nicht zur Überheblichkeit. Die große Lösung hat er auch nicht. Die Erde gehört nicht uns. Sie ist Gottes Eigentum. Wir sind nicht ihre Beherrscher, sondern im Frieden mit den anderen Geschöpfen und in der Zeit verantwortlich für ihr Gedeihen als Ganze. Seine Machtkritik ist massiv: wir müssen befähigen, nicht beherrschen. Er mahnt, sorgsam mit den Armen zu sprechen und mit ihnen gemeinsam nach ökologischen Projekten zu suchen, nicht gegen sie.

Inklusion und Suchthilfe

Immer wieder stieß die Reisegruppe auf Projekte, in denen sehr wenige Mitarbeiter ein Miteinander und Wachstum aller in Vielfalt und berührender familiärer Herzlichkeit ermöglichten, sogar in den schwierigen Arbeitsfeldern der Inklusion und Suchthilfe.

 Das auch in Deutschland bekannte Konzept „Sozialraumorientierung“ entwickelt eine gewaltige positive Kraft, lässt Menschen ihre Würde und ihren Wert entdecken und Vertrauen in sich selbst und ihre Handlungsfähigkeit fassen. Von der Motivation und Ehrlichkeit der handelnden Menschen können wir in Deutschland viel lernen. Vielleicht sind es unser Wohlstand, auch im strukturellen und organisatorischen Sinne, und unsere Moralität/ Bequemlichkeit, die uns davor zurückscheuen lassen, neue Dinge einfach zu tun und glaubwürdig in Kontakt mit den Armen und Marginalisierten zu gehen. Der Papst fordert in seinen Ansprachen zum Welttag der Armen jedenfalls, dass wir ihnen nicht nur wirklich zuhören, sondern uns von ihnen in unserem Inneren berühren lassen.

 

Den ausführlichen Reisebericht finden sie im Anhang dieser Seite zum Downloaden.

Spendenkonto caritas international: DE88 6602 0500 0202 0202 02.

Downloads

Um eine Datei auf Ihren Rechner herunter zu laden, klicken Sie mit der rechten Maustaste auf den Dateinamen und wählen 'Ziel speichern unter' aus dem Kontextmenü.